Bestech Void - Frontflipper im Praxistest

Bestech Void von Designer Steven Kempa im Praxistest

Nach dem Heidi 2 im Frühjahr wurde es erstaunlich ruhig um Bestech Knives, doch kürzlich meldeten sich die Chinesen mit dem Modell „Void“ zurück. Das kleine Taschenmesser stammt aus der Feder des deutschen Messermachers Steven Kempa, dessen Werke auch unter dem Namen Vulpex Knives bekannt sind. Der Designer aus Berlin gehört mit Anfang dreißig zur jungen Garde der deutschen Messermacher und in Kooperation mit Bestech Knives stellt der Newcomer ein ambitioniertes Taschenmesser vor.

Nicht wenigen Messerfans werden Form und Gestaltung des VOID bekannt vorkommen, denn vor dem Bestech VOID erschien bei Kizer Cutlery mit dem Modell VK1 ein optisch ähnlicher Folder. Entwarnung: Das VOID ist kein Plagiat! Beide Messer wurden von Steven Kempa gezeichnet und so verwundert die gestalterische Ähnlichkeit nicht.

Taschenmesser Bestech Void

Das Bestech Void ist ein Framelock Folder mit Titan‑Griffschalen und einer Klingenform, die Eigenschaften einer Wharncliffe‑Klinge mit der Sheepsfoot‑Form auf kreative Weise verbindet. Obwohl die Schneide des Bestech Void auf den ersten Blick nahezu gerade zu sein scheint, verläuft sie über die gesamte Länge in einem sanft geschwungenen Bogen. Dadurch liegt beim Schneiden immer nur ein kurzer Abschnitt der Klinge am Schnittgut an, was dem Festfressen der Schneide vorbeugt. Gleichzeitig erhöht sich die Effektivität beim Schneiden, da die Kräfte auf einen kleinen Bereich konzentriert werden.

Bestech Void Titan
Beim Design von Steven Kempa ist der Kicker bei geöffneter Klinge unsichtbar.

Die weit nach oben gezogene Gratlinie und der bis zur Reverse‑Swedge reichende Flachschliff verleihen der Klinge des Bestech Void ein modernes Äußeres. Auch die Schneidleistung wird durch den kompromisslosen Flachschliff gefördert, denn der 3,2 Millimeter starke Klingenrücken wird bis zum Ansatz der Schneidkante auf 0,55 Millimeter herunter geschliffen. Durch die Klingengeometrie meistert die nur gut sieben Zentimeter lange Klinge alle EDC-Aufgaben mühelos und man hat nie das Gefühl, mit einer zu kurzen Klinge unterwegs zu sein.

Die Klingenform besitzt einen weiteren Vorteil, denn das Design von Steven Kempa kommt ohne Schleifkerbe aus. Dadurch übersteigt die nutzbare Länge der Schneide mit 75 Millimetern die Klingenlänge um zwei Millimeter. Neben der guten Schneidleistung fallen die Harmonie der Linienführung und Proportionen bei Steven Kempas Klingendesign positiv auf. Optisch wirkt das geöffnete Taschenmesser wie aus einem Guss.

Öffnen, schließen, Ergonomie

Öffnen lässt sich die Klinge des Bestech Void wahlweise durch Anheben der Klinge mit dem Daumen oder Aufflippen der Klinge. Beides funktioniert gleich gut. Das Void ist ein Frontflipper, bei dem das Jimping des Klingenrückens auch den Daumendruck zum Öffnen der Klinge aufnimmt.

Beim Aufflippen hat man zusätzlich die Wahl, die Klinge mit Schwung ins Lock zu befördern oder sie mit dem Daumen gemächlich in Richtung Endanschlag zu schieben. Vor allem letzteres funktioniert bei vielen Frontflippern nicht oder nur mit unverhältnismäßig hohem Kraftaufwand. Nicht so beim Bestech Void! Egal auf welche Weise, die Klinge lässt sich elegant, bequem und völlig ohne Krafteinsatz öffnen.

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Hinweis

Einhandmesser mit Klingenverriegelung und bestimmte Bauformen von Messern unterliegen nach dem deutschen Waffengesetz einem eingeschränkten Trageverbot in der Öffentlichkeit. Die Bestimmungen für das Tragen von Messern hat Knife-Blog in einem Artikel leicht verständlich zusammengefasst.

Verriegelt wird die Klinge des Bestech Void per Framelock. Die Lockbar ist mit einem austauschbaren und justierbaren Stahleinsatz ausgestattet, um an der Kontaktstelle das Festkleben der Lockbar an der Klingenwurzel („Sticky Lock“) zu verhindern. Bei den vier getesteten Varianten des Bestech Void überdeckt die Lockbar im Auslieferungszustand die Klingenwurzel zwischen 25 und 50 Prozent. Alle Werte sind im grünen Bereich, die Exemplarstreuung der Bestech Messer kann aufgrund des einstellbaren Stahleinsatzes vernachlässigt werden.

Das Entriegeln und Einklappen der Klinge funktioniert problemlos, die Lockbar ist gut erreichbar und lässt sich ohne Mühe beiseiteschieben. Die Klinge des Bestech Void wird von zwei Kugellagern mit keramischen Kugeln geführt. Dadurch stehen die Klingen zentriert und laufen absolut geschmeidig.

Wie bei Framelock Foldern üblich, wird die Klinge im geschlossenen Zustand durch einen Detent Ball an der Innenseite der Lockbar gehalten. Auch der winzige Detent Ball besteht aus verschleißfestem Keramikmaterial, sodass die Abnutzungserscheinungen auch nach Jahren des Gebrauchs gering ausfallen dürften. Wie durchdacht das Design von Steven Kempa ist, lässt sich am Kicker des Frontflippers erkennen, denn er ist so angeordnet, dass er bei geöffneter Klinge zwischen den Griffschalen verschwindet und unsichtbar bleibt.

Klingenstahl ‑ Elmax

Eine Überraschung ist der Klingenstahl des VOID. Zum ersten Mal setzt Bestech Knives auf den PM‑Stahl Elmax, bisher schien bei Bestech Knives der erprobte CPM‑S35VN Stahl für alle Taschenmesser aus der Titan-Serie gesetzt zu sein.

Elmax ist ein pulvermetallurgischer Stahl der zweiten Generation und wurde 2009 vom schwedischen Hersteller Uddeholm vorgestellt. Während viele Ansätze bei der Entwicklung leistungsfähiger Stähle auf eine deutliche Verringerung des Chromanteils zielen, wählte Uddeholm bei Elmax einen anderen Weg und erhöhte den Anteil von Chrom in der Legierung auf satte 18 Prozent. Zusammen mit 1,6 Prozent Kohlenstoff und drei Prozent Vanadium sind die Eigenschaften von Elmax durch das Legierungskonzept weitgehend fixiert.

Die primäre Stärke von Stählen mit hohem Chromanteil ist die exzellente Korrosionsträgheit. Selbst ungünstigste Bedingungen wie salzhaltige Luft, tropische Feuchtigkeit oder häufiger Kontakt mit Fruchtsäuren können Elmax nichts anhaben. Eine weitere positive Eigenschaft ist die gute Polierbarkeit der Chromstähle, Klingen aus Elmax lassen sich problemlos auf Spiegelglanz polieren.

Allerdings beeinflusst der hohe Chromanteil auch andere Parameter des Stahls. Die großen Chromkarbide wirken sich sowohl auf die Zähigkeit des Stahls als auch auf seine Schnitthaltigkeit aus. Daher wird Elmax üblicherweise auf 58 HRC gehärtet, denn dieser Wert gilt als „Sweet Spot“ des Stahls. Oberhalb dieses Wertes nimmt die Zähigkeit von Elmax rasant ab, sodass hinsichtlich der erreichbaren Rockwell-Härte nur ein wenig Spielraum nach unten besteht. Deshalb wird bei Klingen aus Elmax oft kein Härtegrad nach Rockwell angegeben, Bestech Knives ist in diesem Punkt keine Ausnahme.

Im Diagramm sind die Werte für Zähigkeit (Bruchsicherheit) und die Härte (Schnitthaltigkeit) für die wichtigsten Messerstähle dargestellt. Ein Stahl ist umso härter, desto weiter rechts er im Diagramm auftaucht und umso zäher, desto weiter oben er angesiedelt ist.

Ein idealer, aber leider rein hypothetischer Klingenstahl würde in der rechten, oberen Ecke auftauchen und hätte die Härte von Rex‑121 und die Zähigkeit von Z‑Tuff .

Bei der Zähigkeit erreicht Elmax einen Platz in der oberen Mittelklasse und liegt in etwa auf dem Niveau von M390 und CPM‑S35VN.

Allerdings erreicht Elmax diesen Wert nur bei einer Härte von rund 58 HRC und muss CPM‑S35VN und M390 mit Abstand ziehen lassen.

Härte und Zähigkeit der gebräuchlichsten Klingenstähle

Hersteller Uddeholm gibt in seinem Datenblatt den Verschleißwiderstand von Elmax zwar mit rund 60 HRC an, dabei läge die Zähigkeit aber unter 5 ft‑lbs, was bei industriell genutztem Formstahl als ordentlicher Wert gilt, für Messerklingen aber keineswegs ausreicht. Bei der Verwendung als Messerstahl lassen sich mit Elmax, auch bei Einsatz von Kryotechnik, kaum Ergebnisse über den im Diagramm dargestellten Werten erreichen.

Das amerikanische Kürzel „ft-lbs“ lässt sich ins Deutsche nur sperrig mit „Fuß‑Pfund“ übersetzen. Fuß‑Pfund (ft-lb) das Drehmoment, das entsteht, wenn eine Kraft von einem Pfund auf einen Punkt angewendet wird, der sich einen Fuß entfernt befindet. Es ist das Produkt aus der aufgebrachten Kraft (in Pfund) und dem Abstand, über den diese Kraft angewendet wird (in Fuß).

Eine schlechte Wahl für ein kleines Taschenmesser ist Elmax trotzdem nicht, denn bei der 72 Millimeter kurzen Klinge des Bestech VOID fällt die reduzierte Zähigkeit des Stahls nicht so stark ins Gewicht wie bei Messern mit langer Klinge.

Der Messername „Void“ gibt Rätsel auf

Die Namensgebung des Messers weckt Erstaunen. Im Englischen steht der Begriff „void“ für Dinge, die ungültig, fehlend oder leer sind. Verträge können aufgrund von Rechtsfehlern „void“, also ungültig sein; leere Zimmer sind „void of furniture“. Metaphorisch kann „void“ ein Gefühl von Leere oder einem Mangel an Bedeutung beschreiben. Egal, ob man den Begriff als Adjektiv oder Hauptwort verwendet, er steht immer für etwas Negatives.

Das ist erstaunlich, denn schließlich möchte jeder Messerdesigner sein Werk so positiv wie möglich darstellen und vielleicht sogar einen Hinweis auf die Fähigkeiten seines Messers geben. Marketingabteilungen treiben normalerweise großen Aufwand, damit neue Produkte von der Zielgruppe als wertig, hilfreich, zuverlässig, schick und trendy wahrgenommen werden. „Void“ steht hingegen für gegenteilige Eigenschaften. Da nur Steven Kempa als Namensgeber Licht ins Dunkel bringen kann, reicht Knife‑Blog die Frage an den Designer weiter.

Das Bestech Void ist in vier Varianten erhältlich
Das Bestech Void ist neben drei Varianten mit Titangriff auch mit einer Griffschale aus Carbon erhältlich.

Steven Kempa beantwortet die Frage gern. Er befasst sich hobbymäßig mit Kosmologie und Astrophysik, und das ist tatsächlich der einzige Kontext, in dem der Begriff „Void“ keine negative Bedeutung hat. Im Kontext der Kosmologie sind „Voids“ ausgedehnte Regionen im Universum, in denen kaum Galaxien, Sterne oder andere kosmischen Strukturen vorhanden sind. Innerhalb dieser Leerräume sind Galaxiencluster und andere kosmische Strukturen weniger häufig zu finden. Dabei können kosmische Voids, die im Deutschen als „Leerstellen“ oder „Vakua“ bezeichnet werden, sich über Millionen von Lichtjahren ausdehnen.

Steven wollte keinen martialischen Namen für sein Messer und vor allem keinen plakativen, nach Aufmerksamkeit heischenden Begriff. Immerhin kommen die kosmischen „Voids“ dem perfekten Vakuum recht nah und die „Löcher im Kosmos“ stellen eine Analogie zum „Loch in der Klinge“ dar. Steven Kempa betrachtet die Namensgebung als (fast) perfektes Understatement für ein (fast) perfektes Messer.

Bestech Void ‑ Modelle, Preise und Fazit

Mit einem Listenpreis von knapp 300 Euro liegt das Bestech Void im üblichen Rahmen für Titan‑Framelock Folder dieses Herstellers. Dreihundert Euro klingt nach Inflation und Preiserhöhung, aber eine Rückschau auf die vergangenen Jahre zeichnet ein anderes Bild. Diesen Betrag musste man bereits 2019 für ein Bestech Eskra auf den Tisch legen, für ein Bestech Kasta waren 2021 sogar dreißig Euro mehr zu zahlen.

Das Bestech Void wird in vier Varianten angeboten, wobei die Spanne von „Plain Jane“ bis „all‑black“ reicht:

  • Satinierte Klinge mit white bead blasted, stonewashed Titan (BT2305A)
  • Stonewashed Klinge mit Kohlefaser und Titan (BT2305B)
  • Black bead blasted, stonewashed Klinge mit black bead blasted und stonewashed Titan (BT2305C)
  • Black stonewashed Klinge mit black und bronze stonewashed Titan (BT2303D)

Der Klingenstahl Elmax wäre kaum ein Grund, das Bestech Void zu kaufen. Elmax ist auch kein Grund, es nicht zu kaufen. Der Stahl ist ordentlich und vor allem für Messerfans interessant, die Korrosion durch Salze oder Fruchtsäuren vermeiden möchten. Zudem kann man die Härtung auf 58 bis 59 HRC als Kompromiss zwischen Schnitthaltigkeit und guter Schleifbarkeit auffassen. Auf Diamantschleifsteine kann man bei der Klinge verzichten, ein japanischer Wasserstein reicht zum Nachschärfen des Bestech Void aus.

Dass Steven Kempa Talent als Designer von Messern besitzt, hat er mit dem Bestech Void eindrücklich nachgewiesen. Das kleine Taschenmesser besticht mit guter Ergonomie und Funktion. Die ist bequem und geschmeidig, lässt Spielfreude aufkommen und die lässige Handhabung erhöht den Swag-Faktor des Messers beträchtlich. Gern mogelt sich das Void zwischen zwei Einsätzen in die Hand und animiert zum Flippen der Klinge. Als kleines EDC oder als Ergänzung zu einem Fixed ist das Bestech Void eine gute Wahl.

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Bestech Void ‑ Technische Daten

  • Bauform: Frontflipper mit Titanrahmen
  • Klingenlänge: 73 mm
  • Klingenstärke: 3,2 mm
  • Klingenstahl: Elmax
  • Länge geöffnet: 180 mm
  • Länge geschlossen: 109 mm
  • Griffmaterial: Titan
  • Ausstattung: Taschenclip aus Titan, Präsentbox
  • Gewicht: 96 g (Titan Version)
Bestech VOID
In einem Satz:
Selten hat ein Newcomer ein Messer mit vergleichbaren Qualitäten bei Design, Bedienung und Ergonomie vorgelegt.
Klingenstahl
Anschliff
EDC-Tauglichkeit
Design/Ergonomie
Qualität
Swag-Faktor
Preis-Leistung
4.5
Knife-Blog Wertung