Real Steel Sacra - Review und Praxistest

Real Steel Sacra – Integralmesser neu gedacht!

Taschenmesser mit Axis Lock in Integralbauweise sind nur mit hohem technischem Aufwand herstellbar und sind daher ebenso selten wie teuer. Doch mit einer cleveren Idee haben Poltergeist Works und Real Steel ein solches Taschenmesser für deutlich unter 100 Euro realisiert. Dabei muss die spezielle Integralbauweise des Real Steel Sacra nicht mit Abstrichen bei Ausstattung oder Qualität bezahlt werden. Im Gegenteil, das Real Steel Sacra will mit ordentlichem Klingenstahl und Griffschalen aus Canvas Micarta oder G-10 viele Messerfans überzeugen.

Die Kooperation zwischen Real Steel und der polnischen Firma Poltergeist Works hat sich zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt. Das Sacra bereits das dritte Taschenmessermodell nach Luna und Phasma, dem Knife-Blog ein ausführliches Review widmet. Zudem ist es das erste Taschenmesser in Integralbauweise, das in der günstigen Budget-Klasse antritt. Kopf und Macher hinter „Poltergeist Works“ ist der polnische Messermacher und Designer Jakub Wieczorkiewicz.

Bei der Frage: „Kennen Sie drei Taschenmesser mit Axis Lock in Integralbauweise?“, werden auch gestandene Messerprofis ins Grübeln verfallen. Knife-Blog-Leser heimsen zumindest einen Punkt ein, wenn sie sich an das Review des „Big Belly“ erinnern, dessen Rahmen allerdings aus Carbon besteht und das sich daher in einer ganz anderen Preisklasse bewegt als das Real Steel Sacra.

Real Steel Sacra

Preisklasse? Ausnahmsweise steht der Preis diesmal am Anfang des Artikels statt wie gewohnt am Ende. Das Sacra ist mit einem empfohlenen Verkaufspreis unter 100,- Euro angekündigt. Auch der Straßenpreis des Real Steel Sacra wird unterhalb dieser Marke einpendeln. Selbst mit der teuersten Griffvariante wird das Messer die Budget-Preisgrenze von 100,- Euro im deutschen Online-Handel nicht reißen.

Real Steel Sacra in All-Black, front, open,
Das Real Steel Sacra in All-Black und schwarzen G-10 Griffschalen.

Die Gesamtlänge des Messers beträgt geöffnet 187 Millimeter und geschlossen 103 Millimeter. Das Sacra ist also alles andere als ein großer Folder und mit einem Gewicht von nur 73 Gramm ein ausgesprochenes Leichtgewicht. Die Größe allein macht ein herkömmliches Integralmesser schon fast unmöglich, denn auf so geringem Raum das komplexe Innenleben des Sacra zu fräsen, ist technisch nahezu unmöglich und würde den Preis des Messers durch die Decke gehen lassen.

Was jetzt, Integralmesser ja oder nein oder was?

Exkurs: Integralbauweise bei Taschenmessern

Bei der Integralbauweise wird der Rahmen des Messers nicht aus miteinander verschraubten Einzelteilen hergestellt, sondern der Griff besteht aus einem Stück. Als Material kommen Carbon, Titan, Stahl, Aluminium und in seltenen Fällen auch stabilisierte Hölzer oder Verbundwerkstoffe zum Einsatz. Aus einem Block des Materials wird ein u-förmiger Schlitz gefräst, in dem neben der Klinge auch die Verriegelungsmechanik und möglicherweise auch der Detent untergebracht werden müssen.

Der Vorteil dieser Konstruktion sind geringes Gewicht bei hoher Stabilität und die gestalterische Freiheit, die Anzahl der sichtbaren Schrauben am Griff reduzieren zu können. Dem gegenüber steht das Problem, dass sich komplexe Strukturen an der Innenseite des Rahmens nicht oder nur mit erheblichem Aufwand fräsen lassen. Auch der Einbau des Klingenanschlags und des Verriegelungssystems ist echte Filigranarbeit und mit großem Aufwand verbunden.

Selbst beim Einsatz modernster CNC-Maschinen bleibt der Ausschuss hoch und die Stückzahl pro Maschinenstunde fällt deutlich niedriger aus als bei herkömmlichen Messern. Von der Anschaffung der benötigten Spezialwerkzeuge ganz zu schweigen. Der aufwendige Herstellungsprozess treibt den Verkaufspreis in die Höhe. Deshalb sind Messer in Integralbauweise selten und kosten gerne mehreren Hundert Euro. Irgendetwas muss also beim Real Steel Sacra anders sein.

Aufbau des Real Steel Sacra

Jakub Wieczorkiewicz und Real Steel realisieren das Prinzip der Integralbauweise durch eine clevere Idee anstatt durch aufwendige Frästechnik. Der Rahmen des Sacra wird durch ein zweifach abgekantetes Stahlblech gebildet, dessen Mittelstück an der Griffoberseite sichtbar ist und auf den ersten Blick wie ein Backspacer wirkt. So ergibt sich ein Rahmen, der aus einem Stück Metall gebildet wird.

Bei Konstruktion und Aufbau des Real Steel Sacra liegt die Finesse im Detail. Die Griffschalen werden durch die Achsschraube und ein Gewindestück am Griffende befestigt, Letzteres dient auch zur Aufnahme des Taschenclips, der beidseitig montiert werden kann.

Die Klinge läuft auf einer Buchse zwischen zwei halb offenen Kugellagern. Der Schieberiegel dient bei geöffneter Klinge als Klingenanschlag, entriegelt die Klinge und entlastet die Klingenwurzel vom Druck der links und rechts platzierten Federn.

Konstruktion und Aufbau des Real Steel Sacra

Manch Messerfan mag an dieser Stellen einwenden, dass das Sacra ja gar kein echtes Integralmesser ist, weil ja kein Hohlraum in einen Block gefräst wird. Doch der Vorwurf ist unberechtigt, denn Integralbauweise ist kein Herstellungsverfahren, sondern ein Konstruktionsprinzip, das ohne Fügetechniken auskommt.

Das Real Steel Sacra ist mit Griffschalen aus G-10 oder aus Micarta erhältlich. Neben dem braunen „Natural Micarta“ gibt es eine optisch ansprechende Variante aus Denim Micarta, also Jeansstoff. Die Struktur des Stoffs ist noch tastbar, die Oberfläche ist minimal rauer als bei der G-10 Variante, was der Rutschhemmung des Griffs entgegenkommt.

Klinge und Klingenstahl

Die Klinge des Real Steel Sacra besteht aus dem Stahl Böhler K110. Diesen Klingenstahl kennt man gleich unter drei weiteren Bezeichnungen: X 55CrVMo12-1, der Werkstoffnummer 1.2379 oder schlicht unter dem Namen AISI D2. Also ist K110 nichts anderes als D2-Stahl, richtig? Ja und nein, also Jein! Grundsätzlich gehört K110 zur Stahlfamilie D2, stammt aber aus dem Hause Böhler und wird nach deren Qualitätsstandards hergestellt. Am Legierungskonzept des „alten“ AISI D2 hat Böhler kleine Veränderungen vorgenommen und die Anteile von Mangan, Molybdän und Silizium feinjustiert.

Beim ursprünglichen Werkzeugstahl AISI D2 sind für die Anteile von Chrom, Mangan, Molybdän und Silizium keine festen Werte vorgegeben, sondern nur Grenzwerte definiert. Der Chromgehalt zum Beispiel kann zwischen 11,0 und 13,0 Prozent liegen, was zu erheblichen Unterschieden bei Korrosionsträgheit, Korngrößen, Gefüge, Zähigkeit und Schnitthaltigkeit führt. So erklärt sich, dass Stähle mit unterschiedlicher Qualität und technisch unterscheidbaren Eigenschaften unter dem gleichen Namen nebeneinander existieren können.

Außerdem wird der Kaltarbeitsstahl AISI D2 von chinesischen, indischen, japanischen, skandinavischen, amerikanischen und deutschen Firmen hergestellt. Das breit gefächerte Angebot erklärt die großen Qualitätsunterschiede, die sich nicht nur aus dem jeweiligen Legierungskonzept, sondern auch aus der Güte der Ausgangsmaterialien, dem Schmiedeprozess, der Wärmebehandlung und letztlich dem geplanten Einsatzzweck ergeben.

Real Steel Sacra mit Demin Canvas Griff, open, clip side,

Gelegentlich hört man von Messerfans, dass AISI D2 keine gute Wahl für Messerklingen sei. Das mag für manche Varianten von AISI D2 richtig sein, für die gesamte Stahlfamilie kann die Einschätzung nicht gelten. Da Böhler beim K110 nur 11,30 Prozent Chrom beimischt, ist der Stahl nicht korrosionsfest, sondern nur korrosionsträge. Mit minimaler Pflege wird die Klinge aber nicht gleich zur Rostlaube, wenn man Seeluft, Salzwasser und Obstsäuren meidet oder die Klinge reinigt und leicht einölt. Wer allen Eventualitäten aus dem Weg gehen möchte, kann sich für eine beschichtete Klinge entscheiden.

Mit Böhler K110 kann man bei einem Messer der Budget-Klasse gut leben, die Allround-Eigenschaften des Stahls sind für Klingen dieser Größe zu geeignet. Die Stärken von K110 sind hohe Härte, gute Schnitthaltigkeit und leichte Nachschärfbarkeit. Zudem lässt K110 eine geringe Ausschliffstärke zu, was zu hoher Schärfe und guter Schneidleistung der Klinge führt.

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Die Gestaltung der Klinge ist konservativ, ohne langweilig zu wirken. Beides ist typisch für Designs von Poltergeist Works, denn die Gebrauchsfähigkeit im Alltag steht für Jakub immer an erster Stelle. Die beiden markanten Elemente der Drop-Point-Klinge sind die beinahe über den gesamten Klingenrücken reichende Swedge und der bis weit nach oben gezogene Flachschliff. Letzterer ist, genau wie der Anschliff, auf Schneidleistung getrimmt. Auf Höhe der Klingenmitte beträgt die Materialstärke nur rund 1,9 Millimeter. Kein Wunder, dass die Klinge des Sacra beinahe mühelos durch Kartons und anderes Schnittgut gleitet.

Das Sacra macht Spaß!

Das Real Steel Sacra ist mit einer 84 Millimeter langen Klinge kein kleines Taschenmesser, wirkt aber zierlicher und kleiner, als es tatsächlich ist. Zum Öffnen der Klinge stehen zwei Varianten zur Auswahl. Ganz klassisch lässt sich die Klinge per Daumenpin anheben und ins Lock schieben. Das geht spielerisch einfach, funktioniert ohne Übung und erfordert fast keine Kraft. Geometrie und Kraftwinkel sind gut gewählt.

Ein Vorteil des Axis Lock ist, dass weder Feder noch Detent seitlichen Druck gegen die Klinge ausüben und der Klingengang nicht negativ beeinflusst wird. Dies ermöglicht eine zweite, weitaus spektakulärere Art die Klinge des Sacra zu öffnen: Nach dem Zurückziehen des Verriegelungsbolzens (Schieberiegel) lässt sich die Klinge mit einer minimalen Bewegung aus dem Handgelenk aufschleudern. Kurz bevor die Klinge den Anschlag in der geöffneten Position erreicht, lässt man den Schieberiegel zurück gleiten und die Klinge verriegelt in der Endposition.

Das macht Spaß und lädt zum Spielen ein. Nach kurzer Zeit verbessern sich Timing und Koordination, sodass bald der Schieberiegel im richtigen Moment freigegeben wird und die Klinge weder vor Erreichen des Locks stoppt noch vom Endanschlag zurückprallt.

Für alle Nicht-Messer-Profis: Das Real Steel Sacra ist ein Einhandmesser mit Klingenverriegelung und fällt somit in Deutschland unter das eingeschränkte Führverbot nach § 42a WaffG. Wenn Sie jetzt einen Moment ganz still sind, können Sie die Messerfans in Österreich, Tschechien und vielen anderen Ländern Europas über uns Deutsche und unser schwachsinniges Waffenrecht lachen hören.

Das Real Steel Sacra komplett demontiert

Komplett demontiert lässt sich der Integralrahmen des Real Steel Sacra gut erkennen. Die hakenförmige Doppelfeder ist eine von mehreren Modifikationen des Axis Lock und ersetzt die defektanfällige Omega-Feder.

Real Steel Knives hat das klassische Axis Lock stark modifiziert und nennt sein Verriegelungssystem „Slide Lock“. Bei der Bedienung ergibt sich zwischen beiden Systemen kein Unterschied. Wenn der Schieberiegel in Richtung Griffende gezogen wird, verlässt die Verriegelungsstange ihre Nut an der Klingenwurzel und die Klinge kann eingeklappt werden.

Das Slide Lock als Abkömmling des Axis Lock teilt dessen grundlegende Vorteile: Der Entriegelungsmechanismus ist mit linker und rechter Hand gleich gut bedienbar und man muss das Messer in der Hand zum Schließen der Klinge weder drehen noch durch Umgreifen in eine andere Lage bringen. Im Gegensatz zu Framelock-Foldern ist das Sacra ein echter Beidhänder.

Damit Links- und Rechtshänder das Messer auf ihre Bedürfnisse anpassen können, ist der Taschenclip beidseitig montierbar und damit sind wir beim einzig möglichen Kritikpunkt: Auf der dem Clip gegenüberliegenden Seite bleibt ein unbenutztes Schraubenloch sichtbar. Das ist bei vielen Messern so, ist kein Beinbruch und führt bei einem Messer der Budget-Klasse nicht zur Abwertung. Schöner wäre es trotzdem, wenn das unbenutzte Gewinde durch eine Blindschraube oder eine kleine Abdeckplatte geschützt wäre.

Ergonomie, Qualität, Fazit

Die Konstruktion des Real Steel Sacra hinterlässt einen guten Eindruck und wirkt belastbar und langlebig. Stabilitätsprobleme sind nicht zu befürchten, der nur etwa 1,2 Millimeter starke Stahlrahmen ist steif und solide. Insgesamt vermittelt das Sacra Zuverlässigkeit und hat im Alltagsgebrauch keine Schwächen offenbart. Der K110 Stahl zeigt nach drei Wochen EDC-Alltag keine Mikroausbrüche und die Schneidleistung ist unverändert hoch.

Für ein kleines Taschenmesser ist die Ergonomie absolut zufriedenstellend. Für Männerhände mit Handschuhgröße 9.5 oder mehr ist das Real Steel Sacra ein Drei-Finger-Messer, der kleine Finger findet seinen Platz am Griffende und verhindert, dass das Messer durch die Hand rutschen kann. Bequem ist der Griff dennoch. Der Mittelteil des Rahmens ist leicht gerundet und ragt rund 1,6 Millimeter über die obere Kante der Griffschalen hinaus, was die Handlage positiv beeinflusst.

Der Zettel mit den Qualitätsmengen bleibt beim Sacra leer. Es gibt bei der Material- und Verarbeitungsqualität selbst bei akribischer Suche nichts zu bemängeln. Neuralgische Punkte sind bei Messern der Budget-Klasse häufig die Kanten der Griffschalen, aber die sind ebenso perfekt wie das Klingenfinish. Auch die Haptik der Griffschalen hat sich ein Lob verdient. Sie bieten gute Rutschhemmung, wobei die Griffschalen aus Denim Micarta einen besseren Wert erreichen als ihr Pendant aus G-10. Gleichzeitig erzeugen sie auch das angenehmere Handgefühl. Für ein Messer der Budget-Klasse ist das ein beeindruckendes Ergebnis.

Zurück zum Preis. Für knapp 100,- Euro erhält man mit dem Sacra ein vollwertiges EDC, das sich hinter deutlich teureren Produkten nicht verstecken muss. Die Integralbauweise mittels einteiligem Stahlrahmen (integral folded spine construction) ist keine technische Revolution, aber auf jeden Fall ein interessanter Ansatz. Im Bereich der preisgünstigen Taschenmesser wird das Sacra sicherlich nicht das einzige Messer mit diesem Konstruktionsmerkmal bleiben.

Ab April 2023 soll das Real Steel Sacra in den Regalen der Händler liegen, Interessenten sollten eine Vorbestellung in Betracht ziehen. Da das Preis-Leistungs-Verhältnis ausgezeichnet ist und das Messer zusätzlich zur Alltagstauglichkeit für reichlich Spielfreude sorgt, wird es keine Mühe haben, Käufer zu finden. Das Sacra steht in dieser Hinsicht in der Tradition des Luna, es hat das Zeug als Geheimtipp zu starten und als Dauerbrenner zu enden.

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Real Steel Sacra – Technische Daten

  • Messertyp: Einhandmesser mit Klingenverriegelung
  • Bauart: Integralmesser mit Axis Lock
  • Klingenlänge / -stärke: 84 mm / 3 mm
  • Klingenstahl: Böhler K110
  • Länge offen / geschl.: 187 mm / 103 mm
  • Griffmaterial: Canvas Micarta oder G-10
  • Gewicht: 73 g
  • Preis: je nach Griffmaterial 89,- bis 99,- Euro

Bildnachweis: Titelbild Hintergrund Depositphotos.com:glayan, Messer und Composition by Knife-Blog, alle anderen Fotos und Grafiken sind Eigentum von Knife-Blog oder freigegebenes Pressematerial des Herstellers.

In einem Satz:
EDC mit mit hohem Spielfaktor, interessanter Technik und einem attraktiven Preis..
Klingenstahl
Anschliff
EDC-Tauglichkeit
Qualität
Preis-Leistung
4.4
Knife-Blog Wertung