Journalisten sollen informieren, der Journalismus als gesellschaftliche Institution soll sachlich, neutral und wahrhaftig sein. Diese Eigenschaften scheinen mehr und mehr zu verschwinden, wenn es um Attacken mit Messern geht. Egal ob Kandel, Lünen oder die Messerattacke vor einer Kita in Magdeburg, die tragischen Ereignisse der letzten Monate sind Gegenstand täglicher Medienberichte geworden. Bei der Dramaturgie wird dabei oft in die falsche Schublade gegriffen und ein Schuldiger ist auch schon ausgemacht: das Tatwerkzeug Messer. Eine kritische Analyse zum Thema „Journalismus und Messer” sowie zum Umgang mit Fakten und Emotionen.

Inhalt und Übersicht

Es gibt Ereignisse, die verschwinden nach einigen Tagen aus den Medien und nach wenigen Wochen aus der Erinnerung. Ereignisse können aber auch der Startschuss für breite, öffentlich geführte Debatten sein. Zur zweiten Kategorie gehören die Gewalttaten, bei denen Messer als Tatwerkzeug eingesetzt wurden. Der Journalismus in Deutschland hat dieses Thema für sich entdeckt und eine TV-Dokumentation titelt im September 2019 plakativ: „Messerland Deutschland“.

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Die Berichte und Statements sind voller Widersprüche.

„Die Gewaltkriminalität sinkt“, behaupten zahlreiche Innenpolitiker und berufen sich auf Zahlen der offiziellen Kriminalstatistik.

Gibt es also tatsächlich ein „neues Problem“ mit Messern, oder wird heute nur über Vorfälle berichtet, die jahrzehntelang keine Story wert waren?

Die Antwort scheint weniger mit Messern verknüpft zu sein, als vielmehr mit der Wandlung des Journalismus selbst.

Signifikant für fragwürdigen Journalismus ist unter anderem die falsche Auswahl des begleitenden Bildmaterials. Viele Medienberichte zu Gewaltdelikten werden mit Fotos „aufgepeppt“, die Balisong oder Faustmesser anstatt ein der Tatwaffe ähnliches Messer zeigen. Die Darstellung soll Aufmerksamkeit erzeugen, tatsächlich schafft sie falsche Assoziationen und ist darüberhinaus wahrheitswidrig. Der Widerspruch zu den grundsätzlichen Standards für seriösen Journalismus ist offensichtlich.

Journalismus an der Grenze zeigt sich auch beim Einsatz des Bildmaterials.

Journalismus an der Grenze zeigt sich manchmal schon bei der Auswahl des Bildmaterials. Häufig werden Messer abgebildet, die bereits stigmatisiert sind und deren Besitz verboten ist.

Die falsche Darstellung kann ein Lapsus, ein handwerklicher Fehler sein, sie kann aber auch gezielt dazu genutzt werden, die Grenze zwischen Legalität und Illegalität unscharf werden zu lassen.

Folgt man den Nachrichten in Presse, Funk und Fernsehen scheint klar: Deutschland befindet sich in einer Dauerkrise. Wir haben Finanzkrisen, eine Koalitionskrise, eine Europakrise und eine kaum bezifferbare Zahl von Vertrauenskrisen. Manch einer nahm nach dem „Jamaika-Aus“ 2017 sogar den Begriff „Staatskrise“ in den Mund und rückte die Bundesrepublik damit grob fahrlässig in die Nähe der scheiternden Weimarer Republik.


Neue Krisen braucht das Land!

Aus Mediensicht scheint unser Land permanent am Rand finsterer Abgründe entlang zu taumeln. Da wundert es nicht, dass uns die Propheten der Apokalypse nach Kandel und Lünen glauben machen wollen, Deutschland befinde sich mitten in einer Messerkrise.

Das Muster ist simpel. Zuerst wird dezent der Fokus verschoben, dann werden Täter, Opfer und Motiv ins zweite Glied gerückt. Das Tatwerkzeug wird aus dem Geschehen extrahiert und zum Verursacher erklärt. Sprachlich wird dabei nicht gekleckert: „Tödliche Gefahr für wenige Euro, Messer – hochgefährlich und frei erhältlich“ titelt n-tv am 26. Januar 2018 in seiner Online-Ausgabe. Die Begriffe „tödlich“ und „hochgefährlich“ prägen die Überschrift und verheißen potenzierte Gefahren. Unwillkürlich denkt man an Atombomben in den Händen verwirrter Potentaten, an einen neuen, unbesiegbaren Virus oder wenigstens an geplante Gräueltaten internationaler Terroristen.

Die Endzeitdramaturgie der Überschrift assoziiert akute Lebensgefahr. Schon bevor der Sachverhalt analysiert wird, steht das apokalyptische Krisenszenario fest: Jedermann kann Messer erwerben und Menschen töten. Nähert sich der Adrenalinspiegel wieder dem Normalwert, stellt sich die Frage, wo die Nachricht bleibt. Die Tatsache, dass Messer als Werkzeuge innerhalb eines engen gesetzlichen Rahmens frei verfügbar sind, ist keine Nachricht. Dass man mit Messern Menschen töten kann, auch nicht.

Null plus Null ist im Journalismus aber nicht zwangsläufig ebenfalls Null. Seit Jahren ist zu beobachten, dass Allerweltsthemen und dünne Faktenlagen skandalisiert werden, um sie medial präsentabel zu machen. „Skandal, tödliche Waffen sind in Deutschland frei verkäuflich!“ schreit mancher Autor und möchte damit den Anschein erwecken, einen gemeingefährlichen Missstand aufgedeckt zu haben.

Es ist ein Spiel mit der Angst des Lesers. Ein perfides Spiel, aber es funktioniert. Mehr als zwei Drittel aller Deutschen haben Angst, Opfer eines Terroranschlags zu werden und fühlen sich genötigt, ihre Lebensgewohnheiten zu verändern. Dabei ist das Risiko, im Straßenverkehr getötet zu werden, gut 200.000 Mal höher als das Risiko, einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen. Doch der mediale Terror-Daueralarm wirkt und führt zu einem stark verzerrten Bild tatsächlicher Gefahrenlagen.

Menschen schätzen Gefahren permanent falsch ein und die Skala der gefühlten Gefährdungslage wird maßgeblich von den Medien beeinflusst. Schlagzeilenmacher entscheiden sich gerne fürs Dramatische, egal ob es um Terror, Vogelgrippe, Ebola oder Küchenmesser geht.

Die Kritik am eigenen Verhalten ist längst in den Reihen seriöser Journalisten angekommen. Erste Stimmen der Besorgnis werden laut. Für die Ängste der Menschen haben Medien die Rolle eines „Brandbeschleunigers“ mahnt der Sozialpsychologe Ernst-Dieter Lantermann. In einer Ausgabe des Medienmagazins „Journalist“ wirft Autor Michael Kraske mit Blick auf die Medienlandschaft kürzlich sogar den Begriff „Journalistisches Panikorchester“ in den Ring und mahnt:

„Der Journalismus ist permanent gefordert, das richtige Maß zwischen Verharmlosung und Übertreibung zu finden.“

Er wundert kaum, dass n-tv seinen Artikel mit dem Bild eines Faustmessers aufmacht. Dieser Messertyp ist in Deutschland als verbotener Gegenstand eingestuft und mit einem Besitz-, Herstellungs- und Importverbot belegt¹. Selbst für Gewohnheitsstraftäter sind diese Messer kaum leichter zu beschaffen als eine Schusswaffe. Weder im Kandeler Fall noch bei einem anderen Tötungsdelikt der jüngeren Vergangenheit kam ein solches Messer zum Einsatz, aber dennoch wird eine Verknüpfung zwischen den visuellen und verbalen Inhalten der „Nachricht“ erzeugt. Im Gedächtnis der Allgemeinheit wird das schief gezeichnete Bild als vermeintliche Wahrheit abgespeichert.


Journalismus und Fakten

Viele Berichte bei n-tv, ARD und ZDF erwecken den Eindruck, die Verfügbarkeit des Werkzeuges Messer sei eine belastbare Erklärung für einzelne Straftaten oder einen möglichen Anstieg der Gewalttaten in unserer Gesellschaft insgesamt. Schon einer oberflächlichen Überprüfung hält diese Argumentation nicht stand. Sowohl die deutsche Kriminalstatistik der letzten Jahre wie auch Beispiele aus anderen Ländern zeichnen eher ein entgegengesetztes Bild.

In Österreich kommt das Wort Messer im Waffengesetz nicht ein einziges Mal vor. Einschränkungen hinsichtlich Besitz oder Führen von Messern gibt es in der Alpenrepublik für Einheimische und Touristen nicht.

Die Gewaltkriminalität in Österreich ist jedoch, im Verhältnis zur jeweiligen Gesamtbevölkerung, um mehr als den Faktor vier geringer als in Deutschland.

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Das hinsichtlich gefährlichen Gegenständen sehr restriktive deutsche Waffenrecht lässt über Jahrzehnte keine fallzahlsenkenden Wirkungen auf die Gewaltkriminalität im Allgemeinen oder bestimmte Tatwerkzeuge im Besonderen erkennen.

Der fehlende Zusammenhang zeigt sich exemplarisch am Beispiel Großbritanniens. Während der letzten 30 Jahre wurden die Rechtsvorschriften hinsichtlich Besitz und Führen von Messern stetig verschärft. Heute verfügen England, Schottland und Wales über das schärfste Waffenrecht in Europa. Selbst Obstschälmesser dürfen nicht an Jugendliche verkauft werden; Online-Händler müssen Maßnahmen treffen, damit solche Messer bei der Zustellung nicht in die Hände von Minderjährigen fallen können. Statt der angestrebten Verminderung der Gewaltkriminalität unter Jugendlichen wurde für das Jahr 2016 ein Anstieg um satte 10,4 Prozent verzeichnet.

Der Glaube, ein Gewaltstraftäter würde nach einem umfänglichen Messerverbot von der Begehung weiterer Taten Abstand nehmen, ist mehr als naiv. In Deutschland wird geprügelt, geboxt, Menschen werden von Bahnsteigen und Treppen geschubst und am Boden liegenden Verletzten wird so lange gegen den Kopf getreten, bis sie halb tot und für den Rest ihres Lebens geschädigt zurückbleiben. Gewalt im Alltag ist ein gesellschaftliches Problem und muss statt durch Ursachenverzerrung durch einen breiten gesellschaftlichen Konsens zur Ächtung von Gewalt bekämpft werden.

Ursachen von Gewalt

Gewalt kann ein gesellschaftliches, manchmal auch ein kulturelles Problem sein und hat seine Ursache nicht bei einem Gegenstand.

Legislative, Judikative und Exekutive können auf der Basis dieses gesellschaftlichen Konsenses mit Entschlossenheit und Durchsetzungswillen gegen jede Form von Gewalt im Alltag vorgehen. Das Beispiel „Rockerkriminalität“ hat es deutlich gezeigt. Anstatt Motorräder zu verbieten, wurden Täter konsequent ermittelt und entlang des oberen Strafrahmens verurteilt.

Kriminalisten sind sich einig, dass die bestehenden gesetzlichen Regelungen im Waffenrecht ausreichend sind und kein Spielraum für Verbesserungen existiert. Am Beispiel Großbritanniens zeigt sich, dass Täter kreative Ausweichmöglichkeiten finden, wenn ihnen der Zugang zum bevorzugten Tatwerkzeug kurzfristig verwehrt ist. Dann kommen Baseballschläger, Stuhlbeine, Spaltäxte, Japanspachtel, Schraubendreher, die Ketten von Motorsägen oder Batteriesäure zum Einsatz.

Das Verbot von Alltagsgegenständen ist von allen Optionen die Untauglichste, um gesellschaftliche Fehlentwicklungen einzufangen. So stellt sich die Frage, ob seriöser Journalismus nicht gefordert wäre, die Fakten sorgsam zu ermitteln und sachlich zu informieren, anstatt Ursachen und Beteiligte außen vor zu lassen und sich in halbseidenen Emotionsballaden zu verlieren.


Messerkrise in Deutschland?

Wir haben keine Staatskrise in Deutschland. Wir haben auch keine Messerkrise. Der Wettbewerb des Skandalisierens in der täglichen Berichterstattung bringt nicht mehr zufriedene Leser, sondern verlagert Ängste und führt in letzter Konsequenz zu Ansehensverlust und sinkender Glaubwürdigkeit der Medien insgesamt.

Die journalistischen Fehlleistungen rund um die Geiselnahme von Gladbeck, das Thema „Kampfhunde“, den Absturz einer German Wings Maschine in den französischen Alpen und meinetwegen auch im Fall Christian Wulff, sollten allzu forsch formulierenden Zeitgenossen Demut vor dem eigenen Bleistift lehren.

Journalismus ist das Bollwerk zwischen freier Welt und Diktatur, eine Hürde für die Dummheit und eine scharfe Klinge gegen das Vergessen. Er muss der Beliebigkeit trotzen und darf nicht zum lüsternen Verkünder täglich neuer Apokalypsen verkommen!


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1: Ausgenommen für Inhaber einer jagdrechtlichen Erlaubnis.