Axis Lock – Klingenverriegelung bei Taschenmessern

Die wohl größte Innovation auf dem Weg vom einfachen Werkzeug zum modernen Taschenmesser war die Entwicklung der Klingenverriegelung. Das ungewollte Einklappen der Klinge während des Gebrauchs soll verhindert werden, um schwere Verletzungen zu verhindern. Seit den 1980er Jahren wurden zahlreiche Systeme zur Klingenverriegelung entwickelt. Knife-Blog stellt die Technik der wichtigsten Verriegelungssysteme vor und beleuchtet Vor- und Nachteile. Heute: Das Axis Lock von Benchmade.

Inhalt und Übersicht

Nicht bei allen Varianten der Klingenverriegelung sind Erfinder oder der genaue Zeitpunkt der Entwicklung bekannt. Die ersten Verriegelungssysteme entstanden schon vor über 100 Jahren und waren technisch einfach gehalten. Die Drehverriegelung ist ein gutes Beispiel für frühe Innovationen beim Taschenmesser, um das Werkzeug komfortabler und sicherer zu gestalten.

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Die wichtigsten Klingenverriegelungen im Überblick

Die Vorstellung der unterschiedlichen Systeme zur Klingenverriegelung verteilt sich auf acht Artikel:

  • Teil 1: Axis Lock
  • Teil 2: Back Lock
  • Teil 3: Button Lock
  • Teil 4: Collar Lock

Die Links werden ergänzt, sowie die jeweiligen Artikel erschienen sind.

In der Aufzählung fällt auf, dass die Bezeichnungen ausschließlich aus dem Englischen stammen und ihre Schreibweise uneinheitlich ist. Zwei getrennte Worte, zwei Worte mit Bindestrich oder ein Wort, das aus zwei Substantiven zusammengesetzt ist. Alles erscheint möglich und jede denkbare Schreibweise lässt sich bei Recherchen im Internet finden.

Soweit möglich und bekannt habe ich die Bezeichnungen übernommen, die entweder vom Erfinder gewählt wurden oder vom Patentrechtsinhaber verwendet werden. Die Vorstellung der Systeme zur Klingenverriegelung bei Taschenmessern folgt dem Alphabet und steht nicht für qualitative Unterschiede oder eine Wertrangfolge.

Klingenverriegelung mit Geschichte

Über Erfinder und Entwicklungsgeschichte des Axis Locks sind viele Details bekannt. Mitte der 1980er Jahre experimentierten William McHenry und Jason Williams mit verschiedenen technischen Lösungen, um die Klinge eines Taschenmessers zu verriegeln. Dabei stand nicht nur die einwandfreie Funktion des Verriegelungsmechanismus, sondern vor allem seine komfortable Bedienung im Vordergrund. McHenry war damals bereits ein bekannter Messermacher, Jason Williams sein Stiefsohn.

Irgendwann zwischen 1986 und 1988 kamen die beiden Erfinder mit Les de Asis, dem Gründer von Benchmade, ins Gespräch. Benchmade erwarb die exklusiven Nutzungsrechte und die Erfinder meldeten das Verriegelungssystem 1996 zum Patent an. Knapp zwei Jahre später, am 14. April 1998, wurde das Patent mit der Nummer US5737841A erteilt. Für das zunächst namenlose System erfand Benchmade die Bezeichnung Axis Lock und verwendet diesen Begriff bis heute.

Benchmade 710, Klingenverriegelung AXIS Lock

Kaum ein anderes Verriegelungssystem ist so stark mit einem einzigen Hersteller verknüpft wie das Axis Lock. Das erste Messer, das mit einem Axis Lock ausgestattet wurde, war das Benchmade 710. Der Entwurf für dieses Messer stammt ebenfalls von William McHenry und Jason Williams und war der Beginn einer jahrelangen Zusammenarbeit der Messermacher mit dem Hersteller aus Los Angeles (siehe: Die Benchmade Story).

Seit der Einführung stattete Benchmade rund 40 verschiedene Taschenmesser mit dem Axis Lock aus. Untertypen und Varianten nicht mitgezählt. Im Lauf der Zeit wurde das Verriegelungssystem eine Art Markenzeichen, ja beinahe ein Synonym für Benchmade.

Technik: Axis Lock

Die Konstruktion des ursprünglichen Axis Lock war vergleichsweise kompliziert. Genau genommen war es das komplizierteste Verriegelungssystem seiner Zeit und bestand aus zahlreichen Kleinteilen, die exakt gefertigt werden mussten. Der Bolzen saß auf einer Grundplatte („Slider“), die sich auf der Innenseite einer Griffplatine befand. Die Grundplatte wurde durch eine Feder in W-Form in die Position gedrückt, in der die Klinge verriegelt war.

Später wurde das System modifiziert. Die Führung des Bolzens wurde in die Liner verlagert, sodass die Konstruktion mit weniger bewegten Teilen auskam und zuverlässiger wurde. Wenn die Klinge beim Öffnen den Endanschlag erreicht, gleitet ein federbelasteter Bolzen in eine Aussparung an der Rückseite der Klingenwurzel. Durch Druck auf den Klingenrücken lässt sich die Klinge aus dieser Position nicht herausdrücken.

Der Bolzen ragt beidseits über die Griffschalen hinaus und lässt sich in Richtung Griffende schieben, wodurch die Verriegelungsstange von der Klingenwurzel wegbewegt wird und die Klinge eingeklappt werden kann.

Axis Lock an einem Benchmade 300

In der Aufsicht lässt sich gut erkennen, wie der Bolzen hinter der Klinge in eine Aussparung greift und das Einklappen der Klinge verhindert.

Diese Technik hat Benchmade perfekt im Griff und das Axis Lock macht in der täglichen Praxis kaum Probleme. Da der Schieber zum Entriegeln der Klinge sowohl von rechts wie auch von links bedient werden kann, kommen Links- und Rechtshänder mit diesem System gleich gut zurecht. Viele der Messer mit Axis Lock sind Einhandmesser oder Assisted Opener, sodass die Messer wahlweise mit der rechten oder linken Hand geöffnet und geschlossen werden können.

Die Konstruktionszeichnung zeigt die Positionen der beweglichen Grundplatte, an deren vorderem Ende sich ein Lock Pin befindet.

Wenn die Klinge geöffnet ist, schiebt die Feder die Grundplatte in Richtung Klinge und der Pin gleitet in eine Aussparung an der Klingenwurzel oberhalb der Klingenachse.

Ein Bolzen zwischen den Linern dient der Grundplatte als Führung und hinterer Anschlag.

Axis Lock Konstruktionszeichnung
Konstruktionszeichnung von William McHenry und Jason Williams für die Patentanmeldung (Quelle: US Patentamt)

Charakteristisch für das heutige Axis Lock ist die Omega-Feder, durch die der Verriegelungsbolzen in Richtung Klingenwurzel gedrückt wird. Zieht man den Entriegelungshebel zurück, komprimiert man die Feder. Den Namen „Omega-Feder“ hat sie durch ihre Form erhalten, Sie ähnelt dem auf dem Kopf stehenden griechischen Buchstaben Omega. Auf den Konstruktionszeichnungen der Patentanmeldung besitzt die Feder noch die gesteckte Form eines „W“ und reichte bis in die hintere Griffhälfte. Benchmade optimierte die Feder, verkürzte sie und verwendete einen steiferen Federstahl.

Explosionszeichnung Axis Lock

Zwischen Griffschale und Liner auf der linken Bildseite ist die ursprünglich W-förmige, lange Feder erkennbar.

Die bewegliche Grundplatte mit dem Lock Pin ist zwischen Griffschale und Liner auf der rechten Bildseite abgebildet.

Die Darstellung zeigt eine Zeichnung, die bei der Beantragung des Patents eingereicht wurde (Quelle: US Patentamt, siehe unter Links).

Axis Lock an Benchmade 940
Moderne Version des Axis Lock an einem Benchmade 940

AXIS® – Geschützte Marke?

Das Symbol ® – das R im Kreis – zeigt, dass die Marke beim U.S. Patent and Trademark Office eingetragen ist. Wer eine Markenrechtsverletzung begeht, wird gegenüber dem Markeninhaber schadensersatzpflichtig. Trotzdem sind zahlreiche nicht lizenzierte Varianten des Axis Locks auf dem Markt und werden hauptsächlich von chinesischen Herstellern verwendet.

Diese Verwendung stellt aber nicht unbedingt einen Rechtsbruch dar, denn der Schutz des Trademark Office erstreckt sich nur auf die USA.

Vor einigen Monaten brachte der amerikanische Messermacher Will Moon sein Modell „Banshee“ heraus, das mit einer dem originalen Axis Lock sehr ähnlichen Klingenverriegelung ausgestattet ist. Will Moon gibt an, der Schutz des Axis Locks sei 2016 ausgelaufen und wiederholt dieses Statement auch auf seiner Homepage.

Automatisch endet der Markenschutz in den USA nach jeweils zehn Jahren. Er kann jedoch beliebig oft verlängert werden, wenn der Eigentümer nachweist, dass er die im Patent geschützten Elemente weiterhin verwendet. Letzteres ist beim Axis Lock definitiv der Fall. Auf der anderen Seite wurde der Verkauf des Banshee von Will Moon in den USA durch Benchmade nicht gestoppt. Das kann seinen Grund aber auch in mehreren technischen Änderungen der Verriegelung durch Will Moon haben.

Eine längere Recherche in den Untiefen des US-amerikanischen Markenrechts hat folgendes Bild ergeben: Der Patentinhaber ist nicht Benchmade, sondern die Rechte liegen nach wie vor bei William McHenry und Jason Williams. Offenbar konnten sie, durch Krankheit oder Tod, am Ende der (zweiten) 10-jährigen Laufzeit keine Verlängerung des Patents beantragen oder die Kosten dafür nicht aufbringen. Benchmade als Lizenznehmer von William McHenry und Jason Williams konnte aus patentrechtlichen Gründen nicht selbst tätig werden. Somit ist das Axis Lock als technische Bauform seit 2016 tatsächlich nicht mehr geschützt.

Das Wortmuster „Axis Lock“ bis aber bis heute geschützt ist und die Rechte liegen bei Benchmade.

Shirogorov SBW 110 mit Axis Lock
Shirogorov SBW 110 mit Axis Lock

Der russische Hersteller Shirogorov verwendet das Axis Lock bei seinem Modell SBW 110 (Shirogorov Brothers Workshop). Das Lock des Messers sieht nicht nur dem Lock von Benchmade äußerlich zum Verwechseln ähnlich, Shirogorov verwendet auch ganz offen die Bezeichnung Axis Lock.

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Axis Lock – Stärken und Schwächen

Das Axis Lock hat sich als stabiles, zuverlässiges Verriegelungssystem bewiesen. Selbst mit großem Kraftaufwand gelingt es nicht, die Klinge aus der verriegelten Position zu drücken, ohne den Entriegelungsknopf nach hinten zu ziehen.

Da sich der Bolzen federbelastet in die Verriegelungsposition bewegt, wird er immer mit Druck an die Klingenwurzel geführt. Selbst wenn bei jahrelangem Gebrauch an einigen Bauteilen Verschleiß auftritt und sich dadurch die Klingenposition geringfügig verändert, kann das System die entstandene Abweichung selbst ausgleichen. So wird die Klinge auch nach Jahren des Gebrauchs noch immer spielfrei verriegelt.

Die Stärken eines technischen Systems sind oft gleichzeitig auch seine Schwächen. Das Axis Lock bildet in diesem Punkt keine Ausnahme. Als Schwachpunkt der Konstruktion hat sich in der Praxis die Omega-Feder erwiesen. Ihre Spannung lässt im Lauf der Jahre nach und das Verriegelungssystem wirkt dann etwas ausgeleiert. Auch Brüche der Feder kommen gelegentlich vor.

Abgesehen von der tadellosen Funktion besitzt das Axis Lock einen weiteren großen Vorteil und auch hier steht die Omega-Feder im Mittelpunkt. Zieht man den Verriegelungsbolzen zurück, wirkt keine Kraft auf die Klinge. Der Detent ist also genau zu dem Zeitpunkt deaktiviert, an dem er nicht benötigt wird. Wenn man das Messer entriegelt, kann sich die Klinge nicht nur im Lager frei bewegen, sie wird auch keiner seitlichen Krafteinwirkung ausgesetzt, wie es beispielsweise beim Framelock der Fall ist.

Varianten des Axis Lock

Das Axis Lock ist einfach zu gut, um es nicht zu verwenden. Da der Markenschutz 1:1 Kopien lange Zeit unmöglich machte, haben zahlreiche Hersteller eigene Varianten entwickelt. Sie beruhen erkennbar auf dem Grundgedanken des Axis Lock, beinhalten aber gleichzeitig signifikante Modifikationen. Dadurch hatte Benchmade keine Möglichkeit, eine Markenrechtsklage zu erheben.

Banshee von Will Moon mit Axis Lock

Das Modell „Banshee“ von Will Moon mit einem vom Messermacher weiterentwickelten Axis Lock.

Will nennt es „Spindle Lock“ und neben einer doppelten Führung des Bolzens weist es auch einen geänderten Federmechanismus auf. (Foto: Will Moon)

Das Vulcan von SOG ist mit einer Variante des Axis Lock ausgestattet, die der Hersteller „Arc Lock“ nennt.

SOG Vulcan mit Arc Lock

Verriegelungsbolzen und Entriegelungshebel bewegen sich dabei nicht entlang einer Geraden, sondern beschreiben einen Bogen.

SOG wirbt mit der hohen Belastbarkeit seines Arc Lock. Es soll einer Kraft von rund 1000 lbs (~ 4,45 Kilonewton, kN) widerstehen, ohne dass die Klinge einklappt.

Das Ball Bearing Lock wurde von Spyderco entwickelt und ist ebenfalls patentiert.

Spyderco Manix mit Ball Bearing Lock

Es beruht auf dem Prinzip des Axis Lock, wurde aber in so vielen Details weiterentwickelt, dass beinahe mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten vorhanden sind.

Außer den drei vorgestellten Systemen sind noch rund ein halbes Dutzend weiterer Verriegelungssysteme auf dem Markt, die den Grundgedanken des Axis Lock beinhalten aber Veränderungen bei wesentlichen Details aufweisen.

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