Klingenverriegelung – Framelock oder Integral Lock

Das Framelock gehört zu den jüngsten, aber gleichzeitig auch zu den bekanntesten Klingenverriegelungen für Taschenmesser. In den über 30 Jahren, die seit seiner Vorstellung vergangen sind, hat das Framelock eine beispiellose Verbreitung erfahren und ist heute bei hochwertigen Taschenmessern das am häufigsten verwendete Verriegelungssystem. Dabei ist der Begriff „Framelock“ eine Erfindung der Umgangssprache; der Erfinder gab seiner Klingenverriegelung den Namen „Integral Lock“.

Inhalt und Übersicht

Beinahe alle modernen Verriegelungssysteme sind fest mit dem Namen einer Person oder einer Firma verbunden und das Framelock bildet in diesem Punkt keine Ausnahme. Der Erfinder gehört zu den Lichtgestalten der Messerszene: Chris Reeve. Er wollte Ende der 1980er Jahre sein neu entwickeltes Modell Sebenza mit einem bedienungsfreundlichen und zuverlässigen Verriegelungssystem ausstatten.

– Werbung –

Mit dem 1987 vorgestellten Sebenza betrat Chris Reeve in mehrfacher Hinsicht Neuland. Titan als Griffmaterial war zu dieser Zeit eine absolute Rarität und der Fokus der Messerkäufer lag eher auf optischer Originalität als auf hochwertigen Klingenstählen oder leichtem Griffmaterial. Chris Reeve hatte das Sebenza einschließlich Integral Lock noch in Südafrika entwickelt und fertigte anfangs kleine Stückzahlen in Handarbeit.

Der Durchbruch gelang dem Sebenza 1991 in den USA. Es war natürlich mit dem Integral Lock ausgestattet und besaß eine satinierte Klinge aus ATS34. Chris Reeve war zu dieser Zeit noch relativ unbekannt und die Haltbarkeit seines Systems zur Klingenverriegelung wurde in Foren (damals hauptsächlich AOL) massiv angezweifelt. Eine dünne Stange aus Titan, so lautete das Hauptargument der Gegner, könne niemals in der Lage sein, den auftretenden Kräften dauerhaft zu widerstehen.

Systeme zur Klingenverriegelung

Die Vorstellung der unterschiedlichen Systeme zur Klingenverriegelung verteilt sich auf acht Artikel:

  • Teil 1: Axis Lock
  • Teil 2: Back Lock
  • Teil 3: Button Lock
  • Teil 4: Collar Lock

Die Links werden ergänzt, sowie die jeweiligen Artikel erschienen sind.

In der Aufzählung fällt auf, dass die Bezeichnungen ausschließlich aus dem Englischen stammen und ihre Schreibweise uneinheitlich ist. Zwei getrennte Worte, zwei Worte mit Bindestrich oder ein Wort, das aus zwei Substantiven zusammengesetzt ist. Alles erscheint möglich und jede denkbare Schreibweise lässt sich bei Recherchen im Internet finden.

Soweit möglich und bekannt habe ich die Bezeichnungen übernommen, die entweder vom Erfinder gewählt wurden oder vom Patentrechtsinhaber verwendet werden. Die Vorstellung der Systeme zur Klingenverriegelung bei Taschenmessern folgt dem Alphabet und steht nicht für qualitative Unterschiede oder eine Wertrangfolge.

Framelock oder Integral Lock?

Die korrekte Bezeichnung ist zweifellos „Integral Lock“. Diesen Begriff hatte Chris Reeve für sein Verriegelungssystem gewählt und hat ihn über das US-amerikanische Markenrecht schützen lassen (Trademark). Weitaus verbreiteter ist die Bezeichnung „Framelock“, die auch Knife-Blog – zum besseren Verständnis – in seinen Reviews verwendet.

Sebenza 31 Framelock Folder
Auch das neue Modell Sebenza 31 verfügt über ein Framelock (Integral Lock)

Einen Sonderweg geht der amerikanische Hersteller Spyderco. Die Firma verwendet das Framelock bei einigen Modellen und nennt es „Reeve Integral Lock“. Dadurch vermeidet man einerseits, der Bezeichnung „Integral Lock“ das im Geschäftsverkehr unerlässliche Trademark Zeichen (™) hinzufügen zu müssen und erweist andererseits seinem Erfinder die Ehre, stets namentlich genannt zu werden.

Geschützte Marke: Integral Lock

Der Markenschutz bezieht sich auf den Namen „Integral Lock“, nicht auf die Technik selbst. Daher kann das Framelock heute von jeder Firma und jedem Messermacher ohne Erwerb einer Lizenz verwendet werden.

Auf die Frage, ob Chris Reeve die Patentanmeldung absichtlich unterließ oder nur den richtigen Zeitpunkt verpasste, gibt es keine verlässliche Antwort. Zudem hätte das Patentamt das Framelock als technische Lösung anerkennen müssen, die sich als Neuerung signifikant vom bestehenden Stand der Technik abhebt. Da konstruktive Ähnlichkeiten mit dem Walker Liner Lock bestehen, kann der Innovationswert des „Integral Lock“ oder Framelock zu gering für ein Patent gewesen sein.

Abseits der patentrechtlichen Fragen gibt es keinen Zweifel daran, dass das Framelock neue konstruktive Möglichkeiten eröffnete. Mit dem Framelock war nicht nur ein gewaltiger Innovationsschub verbunden, sondern es entstand sogar eine völlig neue Klasse von Taschenmessern. Titan Framelock Folder sind ungemein populär und stellen heute die umsatzstärkste Bauform bei klappbaren Messern.

Titan Framelock Folder - Lockside
Typisches Merkmal eines Taschenmessers mit Framelock ist die Lock Bar unten an einer Griffseite

Framelock – Konstruktion und Technik

Die Bezeichnung verrät bereits das wesentliche konstruktive Merkmal: Auf der Lock Side des Messers ist der untere Teil der Griffschale so gefräst, dass eine lange Metallzunge (Lock Bar) entsteht. Dadurch wird der Rahmen (Frame) zu einem Bauteil der Klingenverriegelung.

Die Metallzunge besitzt, an ihrer Außen- oder Innenseite, einen Bereich, in dem die Materialstärke durch eine Ausfräsung deutlich reduziert ist. Die geringere Wandstärke erlaubt der Lock Bar Bewegungen nach innen und außen. Durch die Vorspannung des Materials wandert die Metallzunge nach innen, wenn die Klinge die geöffnete Position erreicht. Dabei schiebt sich das Ende der Metallzunge hinter die Klingenwurzel.

Das Framelock besitzt eine eingebaute Verschleißkompensation. Der Abschnitt der Klingenwurzel, der in Kontakt mit der Lock Bar kommt, ist zumeist schräg angeschliffen. Die Lock Bar überdeckt bei einem neuen Messer nur etwa ein Drittel der Klingenwurzel. Das reicht aus, um die Klinge sicher zu arretieren. Sollte sich die Kontaktfläche der Lock Bar durch Gebrauch des Messers abnutzen, sorgt die Verkürzung dafür, dass sie ein kleines Stück weiter nach innen wandert. Das Framelock verriegelt die Klinge dann immer noch spielfrei.

Zum Entriegeln wird die Lock Bar mit dem Daumen nach außen gedrückt, anschließend lässt sich die Klinge einklappen.

Framelock Klingenverriegelung
Trotz geringer Überdeckung, verriegelt dieser Framelock die Klinge sicher

Vor- und Nachteile des Framelock

Heute ist unstrittig, dass das Framelock ein zuverlässiges Verriegelungssystem ist. Die seinerzeitigen Zweifel haben sich in Luft aufgelöst. Befürchtungen, die Lock Bar könnte irgendwann durch Ermüdungsbrüche versagen, haben sich auch bei Messern nicht bestätigt, die inzwischen seit rund 30 Jahren im Gebrauch sind.

Das Framelock stellt eine simple technische Konstruktion dar, die ohne Federn oder bewegte Kleinteile auskommt. In dieser Einfachheit liegt die Genialität der Erfindung, denn je komplexer ein System aufgebaut ist, desto größer ist auch das Risiko für das Versagen einer Komponente.

Um eine einwandfreie Funktion gewährleisten zu können, müssen die Kontaktflächen von Klingenwurzel und Lock Bar sehr sauber aufeinander abgestimmt werden. Dies erfordert präzise Berechnungen und perfekte Frästechnik. Ungenauigkeiten führen entweder zu Klingenspiel, einer zu weit nach innen wandernden Lock Bar oder im schlimmsten Fall zum Versagen der Verriegelung, wenn sich die Lock Bar durch Krafteinwirkung auf den Klingenrücken aus der Verriegelungsposition drücken lässt.

Bei einer schlechten Justage des Messers kann es vorkommen, dass die Lock Bar die Klingenwurzel nur zu 10 oder 15 Prozent überdeckt. Je geringer die Überdeckung ausfällt, um so größer ist die Gefahr, dass das Framelock bei Druck auf den Klingenrücken öffnet und die Klinge unvermittelt einklappt. Daher sollte die Überdeckung bei einem Taschenmesser mit Framelock Verriegelung mindestens 25 Prozent betragen.

Alle vier Fehler kommen in der Praxis vor, sind inzwischen jedoch sehr selten geworden. Tatsächlich gab es bei Knife-Blog erst einen Fall, bei dem ein Taschenmesser mit Framelock Klingenverriegelung bei der Sicherheitsprüfung versagte (Review: Slimfoot Oddity).

Vor allem Großserienhersteller haben die Technik des Framelock heute zuverlässig im Griff. Fälle, in denen ein Framelock in der täglichen Praxis versagt hat, dürften tief im unteren Promillebereich liegen.

– Werbung –

Wenn es einen Nachteil am System der Framelock Verriegelung gibt, so ist es die Konstruktion des Detent. Der Detent ist dafür verantwortlich, dass sich die Klinge nicht aus dem Griff herausschütteln lässt oder im Extremfall sogar von selbst herausgleitet. Realisiert wird die Haltekraft über eine winzige Kugel aus Stahl oder Keramik, die sich an der Innenseite der Lock Bar befindet und die seitlichen Druck auf die Klinge ausübt. Oft befinden sich seitliche Vertiefungen an der Klingenwurzel, in die der „Detent Ball“ in der voll geschlossenen und voll geöffneten Position der Klinge regelrecht einrastet.

Zwar funktioniert diese Detent-Variante zuverlässig, aber der Detent übt in jeder Klingenposition seitlichen Druck auf die Klinge aus. Bei optimaler Justage des Messers ergeben sich kaum Nachteile, aber bereits kleine Fehler führen zu einer schief im Griff stehenden Klinge und im schlimmsten Fall zu gehemmtem Klingengang. Vor allem Messer mit Flipper-Öffnung sind von einem geschmeidigen Klingengang abhängig und schlecht kalibrierte Kraftwirkung des Detent kann ihre Funktion negativ beeinflussen.

Das bekannteste Problem bei der Klingenverriegelung per Framelock ist eine Schwergängigkeit beim Entriegeln. Das Titan der Lock Bar scheint dabei regelrecht am Stahl der Klingenwurzel zu kleben. In diesem Fall spricht man von einem „Sticky Lock“. Vor allem ein US-Hersteller aus dem gehobenen Preisbereich hat mit einer hohen Zahl von „Sticky Locks“ an seinen Messern zweifelhafte Berühmtheit erlangt.

Dieser Framelock ist perfekt justiert

Hochpräzise Frästechnik und perfekte Justage zeigt sich am Framelock dieses WE Knife Deacon.

Entsprechend gut sind Flipper-Eigenschaften und der Bedienungskomfort des Framelock.

Technische Erweiterungen des Framelock

Um Funktion, Verschleißfestigkeit und Bedienungskomfort des Framelock zu erhöhen, haben Messermacher pfiffige Ergänzungen und Verbesserungen für das Verriegelungssystem erdacht. Ein Name ist dabei besonders hervorzuheben: Rick Hinderer.

Grundsätzlich ist es möglich, die Lock Bar beim Entriegeln mit dem Daumen so weit nach außen zu drücken, dass früher oder später Materialschäden eintreten. Um diese Fehlbedienung auszuschließen, entwickelte Rick Hinderer seinen „Lock Bar Stabilizer“. Eine Anschlagplatte im oberen Griffteil verhindert dabei, dass die Lock Bar über die Entriegelungsposition hinaus nach außen gedrückt werden kann.

Rick Hinderer Lock Bar Stabilizer für Framelock Folder

Rick Hinderer Lock Bar Stabilizer für Framelock Folder (Foto: Rick Hinderer Knives)

Für diesen Überdehnschutz hat sich der Begriff „Overtravel Stop“ eingebürgert. Rick Hinderers System ist an einer – meist runden – Stahlscheibe erkennbar, die im oberen Griffteil befestigt ist. Sie überdeckt die Lockbar geringfügig und dient als Endanschlag.

Andere Hersteller integrieren den Überdehnschutz in die Lock Bar, so dass das begrenzende Element auf der Innenseite des Griffs liegt und von außen kaum erkennbar ist.

Auch auf das Phänomen des „Sticky Lock“ gibt es mittlerweile eine Reihe technischer Antworten. Da Titan die Tendenz besitzt, unter seitlichem Druck am Stahl der Klingenwurzel festzukleben, wurden mehrere Lösungen mit alternativen Kontaktmaterialien entwickelt.

Framelock Verriegerung

Taschenmesser mit Framelock Verriegelung. Auf der Innenseite der Lock Bar lässt sich der Stahleinsatz, der den Kontakt zur Klinge herstellt, gut erkennen.

Auf dem Stahleinsatz befindet sich auch der Detent Ball, der das unerwünschte Herausgleiten der Klinge verhindert.

Viele Taschenmesser mit Framelock Verriegelung besitzen heute einen Stahleinsatz am Ende der Lock Bar, der den Kontakt zur Klingenwurzel herstellt. Dadurch wird Verschleiß an der relativ weichen Titanoberfläche verhindert und der „Klebefaktor“ deutlich reduziert. Zudem sind viele der Stahleinsätze so konstruiert, dass sie sich austauschen und justieren lassen.

Andere Hersteller verzichten auf einen Stahleinsatz und installieren am Ende der Lock Bar eine kleine Kugel aus Stahl oder Keramik. Vor allem keramische Materialien bringen es auf Härtegrade von 200 HRC und mehr und unterliegen keinem messbaren Verschleiß. Obwohl bei diesem System die Kontaktfläche zwischen Klingenwurzel und Lock Bar nur Bruchteile eines Millimeters beträgt, sind die Verriegelungssysteme belastbar und zuverlässig.

– Werbung –

Links

Das deutschsprachige Magazin rund ums Thema Messer mit Reviews, 
Beiträgen zu Material und Technik, Recht & Gesetz, handgefertigten Messern und Firmenportraits.

© Copyright 2015-2019. Alle Rechte vorbehalten.

Knife-Blog.com

Die ganze Welt der Messer!

Bildnachweis: Sofern nicht anders angegeben, liegen die Rechte an allen Bildern und Grafiken beim Autor, sind freigegebenes Pressematerial eines Unternehmens oder sind gemeinfrei nach CC0 1.0 Universell (CC0 1.0). Nachdruck nur mit Genehmigung des Autors.