Eine neue Klingenverriegelung für Taschenmesser? Das klingt unglaubwürdig, denn echte Innovationen im Bereich der Verriegelungssysteme gab es seit Jahrzehnten nicht. Bei genauem Hinsehen entpuppen sich alle vermeintlich neuen Systeme als dezente Modifikationen von Altbekanntem. Dann ein Paukenschlag, das Recoil Lock! In Kürze werden die ersten Taschenmesser mit diesem Verriegelungssystem auf den Markt kommen und ja – das Recoil Lock ist tatsächlich eine Neuentwicklung. Knife-Blog stellt Erfinder und Technik des Recoil Lock anhand zweier Prototypen vor.

Inhalt und Übersicht

Noch liegt kein Serienmesser mit Recoil Lock in den Regalen der Händler, doch die ersten Taschenmesser mit dieser Klingenverriegelung stehen kurz vor ihrer Markteinführung. Die Bezeichnung „Recoil Lock“ ist genau genommen ein Kürzel, denn der volle Name des Verriegelungssystems lautet „Recoil Lock inspired by Snecx“.

Der Zusatz „inspired by Snecx“ ist eine Hommage an den Erfinder des technischen Prinzips, einen Messerenthusiasten namens Tan aus Malaysia. Er nennt sich selbst „Snecx Tan“ und hat die Messerwelt bereits vor einem halben Jahrzehnt mit seinem Taschenmesser IFS-20 gründlich gerockt. Sein neues Verriegelungssystem hat er als „Super Lock“ vorgestellt, die erste kommerzielle Version wird aber den Namen „Recoil Lock“ tragen.

Den Namen des Erfinders der grundlegenden Technik in die Bezeichnung für ein System zur Klingenverriegelung nicht zu unterschlagen, ist in der Messerszene gute Tradition.

Wie beim Reeve Integral Lock oder dem Walker Liner Lock bleibt der Name des Erfinders fest mit dem entwickelten System verbunden.

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Das Besondere am Taschenmesser IFS-20 von Snecx Tan ist, dass es nach Lösen einer einzigen Schraube komplett zerlegt werden kann. Keine Innovation mag manch Messerprofi einwenden, schließlich hat CRKT mit dem Modell Homefront den Gedanken längst in die Serienfertigung übernommen. Doch zwischen dem klapperigen Homefront und der Konstruktion von Snecx‘ IFS-20 liegen technologische und qualitative Lichtjahre.

Beim IFS-20 überträgt Snecx Tan die Standards bei der Fertigung hochwertiger Schusswaffen auf Taschenmesser. Alle Einzelteile passen perfekt und greifen auf ausgeklügelte Weise ineinander. Klingenspiel, wandernde Locks, Off-Center stehende Klingen und klappernde Griffschalen treten bei der Konstruktion von Snecx auch nach Jahren des Gebrauchs nicht auf. Achtung: Wer im Netz ein vermeintlich günstiges IFS-20 findet: Es gibt unlizenzierte Nachbauten, die von den bekannten schwarzen Schafen unter den chinesischen Online-Händlern verhökert werden.

Taschenmesser mit Recoil Lock (Prototyp mit Klinge aus Wolframkarbid)

Snecx Tan ist ein genialer Tüftler und wann immer er eine Neuentwicklung vorstellt, lohnt sich ein Blick auf seine Ideen. Inzwischen sind Messer von Snecx im Rahmen von Kooperationen mit WE Knife oder Jake Hoback erschienen. Doch keines der Messer besitzt ein Recoil Lock, das WE Knife Mini Buster und das Hoback/Snecx Buster sind Framelock Folder.

Das Recoil Lock

Zunächst hat Snecx gar kein Messer mit Recoil Lock vorgestellt, sondern nur eine CAD-Zeichnung der Idee auf seinem Instagram Kanal zur Diskussion gestellt. Diese Vorgehensweise ist ungewöhnlich, beinhaltet sie doch den ausdrücklichen Verzicht auf einen Patentanspruch und Lizenzgebühren. Snecx‘ Entwurf einer neuen Klingenverriegelung darf also von allen Herstellern und Messermachern verwendet werden.

Das Feedback auf die Vorstellung der neuen Klingenverriegelung bei Instagram war positiv. Als einer der ersten Hersteller begann TUYA Knife mit einem „Proof of concept“, also der Herstellung eines handgemachten Prototyps. Sofort zeigte sich, dass das Verriegelungssystem grundsätzlich funktioniert, leicht bedienbar ist und die Klinge eines Taschenmessers sicher verriegeln kann. Prototyp folgte auf Prototyp, jeder mit kleinen Änderungen und Verbesserungen im Detail.

Technik und Funktion

Das Recoil lock kommt mit wenig Bauteilen aus und besitzt keine Bauteile, die einem spürbaren Verschleiß unterliegen oder nur eine begrenzte Lebensdauer besitzen. Ein gutes Beispiel für begrenzte Lebensdauer ist die berühmt-berüchtigte Omega Feder beim Axis Lock. Deren Anfälligkeit nach einigen Jahren zu brechen war ein Grund für Snecx, auf einen klassischen Federmechanismus zu verzichten.

Schematische Darstellung des Recoil Lock

Kernstück des Recoil Lock ist eine bewegliche Metallzunge, deren hinteres Ende eine Gabel bildet. Ein Bolzen dient als Führung, die Metallzunge ist in Längsrichtung beweglich. Das vordere Ende der Metallzunge, ein Haken in Form eines Stiefels, gleitet bei geöffneter Klinge in eine Aussparung zwischen Klingenwurzel und einem Bolzen, wodurch die Klinge gegen Einklappen gesichert ist.

Die Metallzunge liegt zwischen den Griffschalen oder den Linern an der Oberseite des Messers und überragt den Griff des Taschenmessers um wenige Millimeter. Um das Taschenmesser zu entriegeln, schiebt man die Metallzunge etwa zwei Millimeter nach hinten. Der Sporn zwischen Bolzen und Klingenwurzel wird dabei aus der Aussparung zwischen Klingenwurzel und Bolzen gezogen und die Klinge kann eingeklappt werden.

Anstatt durch eine Feder wird die nötige Vorspannung über einen zweiten Bolzen erzeugt. Er drückt von unten gegen die Metallzunge, die in diesem Bereich eine charakteristische Wellenform aufweist. Je nach Position der Metallzunge wird mehr oder weniger Druck aufgebaut, sodass das Recoil Lock sich nicht selbst entriegelt und dennoch nur minimaler Kraftaufwand zum Entriegeln der Klinge nötig ist.

Bei eingeklappter Klinge gleitet ein Haken an der Unterseite der Metallzunge in eine zweite Aussparung an der Klingenwurzel. Dadurch wird die Klinge in der geschlossenen Position gehalten. Detent mal anders. Das Anheben der Klinge funktioniert wie bei jedem anderen Einhandmesser. Die benötigte Kraft zum Überwinden des Detent kann durch die Gestaltung der Bauteile vorgegeben werden.

Bei beiden getesteten Prototypen ist die Haltekraft des Detent gering, sodass das Anheben der Klinge mühelos gelingt. Dennoch sitzen die eingeklappten Klingen fest und sicher zwischen den Griffschalen. Bei geschlossenem Messer wackeln oder klappern die Klingen nicht und der Detent gibt die Klinge auch bei einer Schleuderbewegung nicht frei.

Charakteristisch für das Recoil Lock ist ein leises Klacken, wenn beim Anheben der Klinge der Detent überwunden wird.

Prototypen mit Recoil Lock

Einige Monate vorher. Knife-Blog flattert die erste CAD-Grafik zu Aufbau und Funktion des Recoil Lock auf den Tisch und erzeugt erst einmal mehr Skepsis als Begeisterung. Die simple Konstruktion mit einer durch drei Bolzen gesteuerten Metallzunge riecht verdächtig nach einer Mixtur aus Wunschdenken und Klapperatismus.

Dass das Recoil Lock zuverlässig funktioniert und dabei auch noch gut bedienbar ist, erscheint auf den ersten Blick unwahrscheinlich. Doch der Name Snecx macht neugierig, denn der junge Malaysier ist – wie gesagt – ein hochtalentierter Tüftler.

Taschenmesser mit Recoil Lock, Front und Aufsicht

Einhandmesser von TUYA Knife mit Recoil Lock inspired by Snecx

Seit einigen Wochen sind bei Knife-Blog zwei Taschenmesser mit Recoil Lock in der Erprobung. Erstes ist ein handgefertigter Prototyp zur technischen Erprobung des Recoil Lock. Äußerlich ist es dementsprechend unspektakulär. Es ist ein frühes Entwicklungsmodell des italienischen Herstellers Sandrin und besitzt eine Klinge aus Wolframkarbid mit 71 HRC. Das zweite Testmesser kommt von TUYA Knife, ist ein finaler Prototyp und dem zukünftigen Serienmodell optisch wie technisch bereits sehr nahe.

Das Recoil Lock in der Praxis

Zwei Monate lang hat mich der Sandrin Prototyp im Alltag begleitet, drei Wochen das Vorserienmodell von TUYA. Beiden Messern und ihren Verriegelungssystemen wurde nichts geschenkt und nicht erlassen. Das Lock des Sandrin Prototyps hat mehrere Hardcore-Tests mit einer Belastung von 25 Kilogramm absolviert, die statisch auf den Klingenrücken wirken. Lock und Mechanik hielten stand und nach den Tests war keine Veränderung hinsichtlich Detent, Handhabung oder Kraftaufwand beim Öffnen oder Schließen feststellbar.

Das Entriegeln des Recoil Lock erfolgt durch Zurückziehen der Metallzunge um etwa zwei Millimeter mit Daumen oder Zeigefinger der Hand, die den Messergriff hält. Die andere Hand klappt die Klinge ein.

Während des Öffnens und Schließens der Klinge wirkt seitens der Mechanik keine Kraft auf die Klinge. Seitliche, also axial auf die Klinge wirkende Kräfte durch die Vorspannung der Lockbar bei Framelock Foldern gibt es nicht. Ebenso kein Federdruck gegen die Klingenwurzel wie bei Taschenmessern mit Axis Lock. Das sorgt bei Messern mit Recoil Lock für einen ungehemmten Klingengang. In Verbindung mit den in beiden Prototypen verbauten Kugellagern ist das Messer mit Recoil Lock der Konkurrenz in Sachen Klingengang klar überlegen.

Wenn man einen Framelock oder Taschenmesser mit Liner Lock gewohnt ist, muss man die einhändige Bedienung des Recoil Lock einüben.

Mit etwas Geschick ist es möglich, das Lock mit der Kuppe des Mittelfingers zu entriegeln, die Klinge durch Druck mit dem Zeigefinger aus der geöffneten Position zu bewegen und mit dem Daumen einzuklappen. Klingt komplizierter als es in der Praxis ist.

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Im Gegensatz zu Framelock und Liner Lock eignet sich das Recoil Lock auch für sehr schmale Klingen. Das macht sich besonders beim Sandrin Prototyp bemerkbar, dessen Klinge aus Wolframkarbid nur eine Stärke von zwei Millimetern besitzt. Ob sich das Recoil Lock auch für mächtige Folder mit Klingenstärken um fünf Millimetern eignet, wird die Zukunft zeigen. Grundsätzlich spricht nichts dagegen, dass dieses Verriegelungssystem auch bei großen taktischen Foldern einsetzbar sein dürfte.

Info

Die Vorstellung der unterschiedlichen Systeme zur Klingenverriegelung verteilt sich auf mehrere Artikel:

Unter dem Tab „Links“ finden Sie alle bereits erschienen Artikel zu technischen Systemen bei Klingenverriegelungen.


Soweit möglich wurden Namen und Bezeichnungen übernommen, die entweder der Erfinder oder der Patentrechtsinhaber gewählt hat. Die Reihenfolge der Vorstellung aller Systeme zur Klingenverriegelung bei Taschenmessern ist willkürlich und steht nicht für qualitative Unterschiede oder eine Wertrangfolge.

Links

Vor – und Nachteile des Recoil Lock

Gibt es bei Bedienung oder Technik des Recoil Lock Nachteile gegenüber anderen Systemen zur Klingenverriegelung? Generell kann man die Frage mit „Nein“ beantworten. Das Bedienkonzept obliegt dem subjektiven Empfinden und nicht jeder Messerfan wird die oben aus dem Griff herausragende Metallzunge mögen. Die ursprüngliche Befürchtung, dass man das Recoil Lock ungewollt entriegeln könnte, wenn das Messer in der Hand nach vorn rutscht, hat sich in der Praxis nicht bestätigt und dürfte eher hypothetisch sein.

Das ergonomische Konzept des Recoil Lock funktioniert, wenn auch das einhändige Schließen des Messers etwas mehr Übung erfordert als bei einem Framelock Folder. Hinsichtlich der Stabilität und Zuverlässigkeit lässt sich in diesem frühen Stadium der Erprobung noch kein abschließendes Urteil fällen, aber begründbare Befürchtungen haben sich bis jetzt nicht ergeben.

Nach den Erfahrungen des Praxistests dürften Stabilität und Zuverlässigkeit des Recoil Lock höher als bei einem Button Lock und etwas geringer als bei einem Framelock einzuschätzen sein.

Recoil Lock, Explosionszeichnung

Dem gegenüber stehen eine ganze Reihe von Vorteilen, die dem Recoil Lock das Potenzial verleihen, sich im Wettstreit der Verriegelungssysteme zu behaupten. Wie Framelock und Liner Lock besitzt auch das Recoil Lock eine eingebaute Verschleißkompensation durch die sich verjüngende Form der Metallzunge. Sollte im Lauf der Zeit Material abgetragen werden, rutscht sie automatisch ein paar Hundertstel weiter nach vorn. Radiales Klingenspiel ist bei Taschenmessern mit Recoil Lock nicht zu befürchten.

Die wirkliche Stärke des Recoil Lock dürfte in der Einfachheit seiner Konstruktion liegen. Das ganze Verriegelungssystem besteht aus drei Bolzen und einer bewegten Metallplatte. Der Verzicht auf Federn, die sich beim Zerlegen ins Nirwana katapultieren, und das Fehlen diffizil zu montierender Kleinteile, lässt das Recoil Lock auch für rustikale Einsatzfelder geeignet erscheinen.

Ein weiterer Vorteil ist die universelle Einsatzmöglichkeit bei unterschiedlichen Bauformen von Taschenmessern. Während ein Framelock die Bauform des Messers festlegt, ist das Recoil Lock sowohl für Titanrahmen wie auch für Edelstahl-Liner und sogar für Integralmesser geeignet. Der einfache Aufbau des Recoil Lock ermöglicht die Verwendung bei Budget-Foldern ebenso wie bei Taschenmessern der oberen Preiskategorie.

Das Recoil Lock ist eine spannende Konstruktion, aber eine Prognose, ob sich das Recoil Lock in absehbarer Zukunft auf breiter Front durchsetzen wird, ist derzeit noch nicht möglich. Die Eigenschaften dafür bringt es auf jeden Fall mit. Die Messerfans werden es entscheiden.

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